Der brave Bock

Gerade habe ich das Präparat vom (ersten) braven Bock abgeholt, den ich letztes Jahr erlegen konnte. Das nehme ich zum Anlass, dieses Erlebnis aufzuschreiben. Auch wenn ich das Gefühl habe, dass keine einzige Sekunde dieser Jagd in meinen Erinnerungen verblasst wäre.

Niemals wieder – so denke ich – werde ich den Moment vergessen, als er aus der etwa 100 Meter entfernten Dickung austrat. Ich sass in einer Lichtung im Wald auf einem Drückjagdbock und hatte meine Sako bereits in seine Richtung auf der Unterlage liegen, da ich ihn lange bevor er ausgetreten ist, schon hören konnte.

Die Minuten, in denen er geradewegs auf mich zuzog, hatten für mich etwas Magisches. Ich hatte ihn beständig im Absehen. Immer größer wurde sein Haupt, immer deutlicher konnte ich sein Gehörn erkennen. Auch wenn es sich hier um einen Jährlingsspiesser gehandelt hätte, wäre mein Puls sicher in die Höhe geschnellt. Aber das was ich da durch mein Zielfernrohr gesehen habe, raubte mir fast den Atem.

Ich hoffte inständig, er würde abdrehen und sich breit stellen. Aber das tat er nicht. Er äugte konstant zu mir und zog weiter geradeaus auf mich zu. Ich wurde immer nervöser, drehte die Vergrösserung meines Zielfernrohrs runter und noch weiter runter und irgendwann musste ich am Glas vorbeischauen, denn: er stand direkt vor mir.

Das Adrenalin schoss mir durch die Adern und ich hörte das Blut in meinem Kopf rauschen. Ich war mir sicher, dass es nun nur noch Bruchteile von Sekunden dauern würde, bis der Bock abspringen würde.

Aber er drehte direkt an meinem Drückjagdbock ab und zog weiter um mich herum. Von mir aus gesehen befand er sich nun auf der linken Seite, vielleicht zwei Meter von mir entfernt. Ich konnte die Waffe nicht mitziehen, da ich sie hierfür über eine Seitenbefestigung des Drückjagdbockes hätte heben müssen, die etwa 15 Zentimeter über die Auflage herausragte. Noch während ich überlegte, wie ich die Waffe wieder auf den Bock ausrichten könnte, drehte der Bock sein Haupt zu mir und äugte mich direkt an. Ich hielt den Atem an, denn ich war mir sicher: einmal ausatmen in die kühlere Luft des beginnenden Herbest und er ist weg. Ich hielt also den Atem an und erstarrte, während ich meinen Herzschlag in der Brust und in der Stirn hämmern spürte und hörte. Ich war mir sicher, dass der Bock das vernehmen müsste. Oder dass mir alternativ das Herz einfach herausspringt.

Plötzlich äugte er in die andere Richtung von mir weg. Blitzschnell hob ich die Waffe über das Holz und richtete das Absehen auf ihn aus. Da zog er aber bereits steil von mir weg, sodass ich keinen Schuss aufs Blatt antragen konnte. Mir war klar: dreht er sich noch einmal nach links und steht breit, muss ich meine Chance nutzen. Und genauso sollte es geschehen. Auf (nachher nachgemessenen) 18 Meter Entfernung stand er breit und lag nach einem Herz-/ Lungentreffer im Knall. Allerdings dauerte es noch ein paar Sekunden bis er verendet war. Dieser Moment wird mir ebenfalls für immer im Gedächtnis bleiben. So ist es doch etwas anderes, ob eine Kreatur direkt vor mir, oder 80 oder 100 Meter weiter vom Leben in den Tod übergeht.

Ich blieb viele Minuten sitzen und ja, ich vergoss sogar ein paar Tränen. Ich reflektierte über mein Handeln, über die Jagd an sich. Über die vielen – aus meiner Sicht – positiven und erstrebenswerten Dinge, die die Jagd mit sich bringt. Und dass Momente wie jene, die ich gerade erlebte, eben auch dazu gehören.

Dieses Jagderlebnis war daher in vielfacher Hinsicht für mich etwas ganz Besonderes. Natürlich war es der erste reife Bock (vom Präparator geschätztes Alter: 5-6 Jahre) mit einer sehr interessanten Trophäe. Aber insbesondere die Tatsache, dass sich dieses Geschöpf insgesamt sicherlich 15 Minuten in meiner direkten Nähe befand und ich dann die Konsequenz meiner Schussabgabe, nämlich das Verenden dieser wundervollen Kreatur fast schon „hautnah“ erlebt habe.

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Selbstverständlich möchte ich dieses Erlebnis und den Bock für immer in Ehren halten. Sein Präparat erinnert mich nun Tag ein Tag aus an meine Verantwortung. Bei jeder einzelnen Schussabgabe.

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Damals haben mich einige ungläubig und kopfschüttelnd angesehen, als ich gesagt habe, ich wolle mir von diesem Bock ein Präparat herstellen lassen. Heute bin ich sehr froh, dass ich mich nicht davon habe abhalten lassen. Wie der Präparator meines Vertrauens Martin Berndt zu mir sagte: „Häufig geht es bei der Präparation eben nicht (nur) um die Trophäe, sondern darum, das Jagderlebnis festzuhalten. Und auf seiner Internetseite (www.berndt-taxidermy.de) schreibt er: „Jeder Jagderfolg ist eine Momentaufnahme, die in der Trophäe verewigt wird.“ Ich finde das ist sehr treffend formuliert.


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