Krimi in der Gerste

Nachdem ich sechs Tage in Folge jede Nacht durchgesessen und durchgepirscht bin, um endlich „mein erstes Weizenschwein“ zu erlegen, hatte jemand Erbarmen und nahm mich mit in ein anderes Revier. Denn in meinem Revier (Begehungsschein) konnte ich jede Nacht die Sauen hören, sehen, anpirschen. Aber Ansprechen war jedes Mal unmöglich, da die jeweiligen Stücke nie in einer Fahrspur oder einer Schadfläche standen sondern immer direkt im Weizen.

Ich war zwei Wochen davor schon im Weizen unterwegs und hätte fast einen Frischling erlegen können. Damals war das Pirschen noch sehr gut möglich. Jetzt aber waren die Fahrspuren in Tümpel verwandelt, das Durchgehen hörte sich an, als würde ein Flusspferd aus dem Wasser schlürfen. Zudem war der Weizen nun schon so hoch, dass die Halme in die Fahrspuren ragten und dies zusätzlich beim Durchgehen Krach machte. Dennoch gelang es mir einige Male, nah an die Sauen heranzukommen. Einmal stand plötzlich eine Sau auf etwa fünf Meter Entfernung neben mir im Weizen. Die Rückenlinie war frei, daraus schloss ich auf ein großes Stück. Aber ich konnte nicht sehen, ob weitere Stücke dabei waren und die Bauchlinie war auch nie sichtbar.

Einmal hatte ich mir gar die Schuhe und die Hose ausgezogen, um näher dran zu kommen. Dies gelang auch, aber wieder ohne, dass ich das Stück hätte ansprechen können.

Nun sass ich also nach sechs Tagen jagen auf gepackten Koffern und wollte die Heimreise antreten. Da wurde ich in ein anderes Revier mitgenommen. Dort seien teilweise Streifen von 15 Metern abgemäht, so könne man die Sauen sauber ansprechen. Also holte ich die nassen Schuhe, Hosen und weiteren Klamotten, die ich in einen Müllbeutel gesteckt hatte aus Selbigem wieder heraus und war bereit zur Jagd.

Bei der Ankunft auf dem Hochsitz leuchteten meine Augen. Mir bot sich ein Bild perfekter Bedingungen, hier würde ich keine Schwierigkeiten haben, Schwarzwild anzusprechen. Zwischen einem großen Maisfeld und der Gerste war tatsächlich ein breiter Streifen abgemäht. Vor einigen Tagen seien an dieser Stelle bereits zwei Sauen erlegt worden.

img_4561.jpg

Wir setzten uns also hin, ich mit Blickrichtung nach rechts aus der Kanzel, wo wir die Sauen erwarteten. Links war nur ein kleines Fenster und eher weniger mit Sauen zu rechnen.

Selbstverständlich kam die Sau von links. Wir tauschten also so leise wie möglich die Plätze, ich schaute abwechselnd durch die Wärmebildkamera und dann wieder durch die Waffe und konnte eine einzelne Sau auf der abgemähten Fläche hinter der Gerste vor dem Mais stehen sehen. Eindeutig erkannte ich einen Pinsel an der Bauchlinie. Okay, dachte ich. Nochmal die Entfernung abgecheckt und zum Schuss entschlossen. Angelegt, Waffe gespannt, die Sau stand perfekt breit und still. Eingestochen und gewartet bis die Waffe zurückschnellt, begleitet von dem bekannten Schussknall und dann… „Klack“. Völlig verwirrt und perplex starrte ich abwechselnd auf die Waffe und die Sau. Das war vorher noch nie passiert. „Warum hat sich der Schuss nicht gelöst? Ich habe doch eine Patrone im Lauf. Gespannt ist die Waffe auch. Ich habe eine neue Munition! Aber das kann ja nicht sein. Ich habe doch damit mindestens 15 Schuss auf dem Schiesstand gemacht!“ Es nützte nichts. Ich entschied mich, den Versuch zu wagen eine neue Patrone hineinzurepetieren. Inzwischen stand die Sau in der Gerste auf etwa 100 Meter. Ich war mir fast sicher, dass sie das Geräusch nicht aushalten würde. „Phu. Neue Patrone drin. Gut und jetzt hoffen, dass der Überläufer gleich wieder auf die abgemähte Fläche tritt. Und dann hab Vertrauen in die Waffe. Nicht verreissen! Schiesse wie immer. Ruhig bleiben!“, sagte ich zu mir selbst. Nach etwa zehn Minuten trat die Sau tatsächlich erneut auf die freie Fläche aus. Ich spannte die Waffe. Die Sau stand wieder perfekt breit, ich stach ein und…. „Klack“. Ich dachte ich drehe durch. Wieder nichts. Ich wollte gerade verzweifelt aufgeben und dem Jäger neben mir vorschlagen, er solle mit seiner Waffe schiessen. Da schlug er vor, ich solle es einfach mit derselben Patrone nochmal versuchen. Jetzt stand die Sau allerdings ganz leicht spitz von hinten, aber das würde noch gehen. Also Waffe entspannt, neu gespannt, eingestochen und …. „Bääääääm!“ Ich schaute weiter durchs Zielfernrohr und sah die Sau liegen. Ich blieb noch einige Zeit im Anschlag bis ich ganz sicher war, dass kein Leben mehr drin war.

Was für ein Krimi! Sechs Tage kam ich nicht zum Schuss. Und dann funktioniert zweimal hintereinander die Waffe nicht.

Am nächsten Tag habe ich natürlich umfangreiche Überlegungen angestellt, woran das gelegen haben kann und u.a. auch meinen Büchsenmacher interviewt. Dieser erklärte mir, dass wenn ich eingestochen habe und den Abzug ganz leicht auch von der Seite drücke und nicht ausschliesslich von vorne nach hinten ziehe, sich nicht die ganze Federkraft freisetzt und die Energie daher nicht ausreiche, damit die Waffe abschlägt. Zuhause habe ich das mit ungeladener Waffe überprüft und tatsächlich, so ist es. Ich bin froh, dass ich meiner Sako wieder vertrauen kann.

Nachdem die Sau also lag, sind wir einige Minuten später an das Stück herangetreten. Wie ich ihn angesprochen hatte: ein Überläuferkeiler. Allerdings brachte er 10 Kilo mehr auf die Waage als wir beide gedacht hätten. Ich bat um einige Minuten alleine mit dem Stück und war dankbar für das Jagderlebnis und den Erfolg, den ich nun nach sechs Tagen haben durfte.

Leider waren weit und breit keine waidgerechten Brüche zu bekommen, da wir mitten in einem riesigen Feld mit Mais und Gerste standen. Daher behalf ich mich dann mit Mais für den Inbesitznahmebruch und letzten Bissen.

Diesen Überläuferkeiler werde ich sicher nie wieder vergessen. Ein Krimi in einer wundervollen Vollmondnacht.


4 Gedanken zu “Krimi in der Gerste

  1. Das war ja wirklich ein Krimi! DENNOCH Waidmannsheil! 😊🐗📯 Würde mich sehr freuen, wenn du vielleicht mal einen Abstecher zu meinem Blog machen würdest 🙊

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  2. Sehr schön geschildert, wmh! Eine Anmerkung: die Waffe würde ich meinem Büchsenmacher umgehend um die Ohren hauen und nie wieder anfassen. Denk mal daran, was passiert wenn Du Dich in einer brenzligen Situation nicht auf die Waffe verlassen kannst oder eben nur eine Chance auf ein begehrtes Stück hast. Ich bin überhaupt kein Waffenfreak, führe einen Drilling und für die Drückjagd eine R8. Aber ich hatte mal eine Waffe auf die ich mich nicht verlassen konnte – sie steht nur noch im Schrank, weil sie mal meinem Opa gehörte und mir von meinem Dad zum Jagdschein geschenkt wurde. Horrido

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    1. Hallo Götz!

      Danke für dein Feedback, freut mich sehr!

      Zur Waffe: wie im Betrag ausgeführt handelte es sich bei diesem Vorkommnis um einen Bedienfehler bzw. Anwenderfehler. Den Büchsenmacher trifft hier sicher keine Schuld. Und nachdem ich weiß woran es gelegen hat vertraue ich meiner Waffe zu 100 Prozent 😉
      Alles Gute und Waidmannsheil!

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