Der Bock für meine Freunde

Manchmal schieben sich ganz plötzlich und wie aus dem Nichts dunkle Wolken über einen. Und auf einmal ist nichts mehr in der Farbe wie es vorher schien.

Am Sonntag hatte ich einen wahnsinnig tollen Tag. Ein lieber Jagdfreund zeigte mir, wie man Rehwild zerwirkt (ich berichtete).

Ganz glücklich stand ich am Montag in froher Erwartung meines neuen Vakumiergerätes auf, um dieses tolle Fleisch einzuvakumieren um des damit länger haltbar zu machen.

Bevor allerdings der Postmann klingelte, schlug meine Hautärztin Alarm. Eigentlich war ich doch bloss zur Vorsorge da und nun weigerte sie sich, mir beruhigende Worte entgegenzubringen.

Recht irritiert aber auch patzig – im Sinne von: „davon lasse ich mich doch jetzt nicht aus der Ruhe bringen“ fuhr ich nach Hause und vakumierte das Fleisch. Allerdings eher in Robotermanier als mit Achtsamkeit.

So schlürfte ich weiter ziemlich weggetreten durch den Tag und beschloss, mir eine Zweitmeinung einzuholen. Glücklicherweise durfte ich direkt am nächsten Tag bei einer mir aus früheren Zeiten bekannte Hautärztin auflaufen. Auch Sie konnte keine Entwarnung geben, hatte jedoch Ideen für harmlose Alternativdiagnosen.

Zuhause bemerkte ich, dass ich mein Fahrrad vor der Arztpraxis hatte stehen lassen. Als ich wieder dort ankam um es abzuholen: Mist, Schlüssel vergessen. Also wieder zurück in die Wohnung, wo ich ihn zunächst vergeblich suchte und dann im Kühlschrank fand. „Ok, nun ist es wirklich Zeit etwas auf andere Gedanken zu kommen“, dachte ich und beschloss, trotz des Verbandes am Fuss (weil dort die Biopsie entnommen wurde) zur Jagd zu fahren.

Nun bin ich also im Auto auf dem Weg in den Osten Deutschlands. Dennoch versinke ich  wieder in Gedanken und bemerke nicht wie ein Schild die erlaubte Geschwindigkeit massiv begrenzt. Bis es blitzt… Ich schaue auf den Tacho und ahne nichts Gutes… Auch das noch.

In dem 150 Seelendörfchen angekommen begrüsst mich der Vermieter meiner kleinen Ferienwohnung. Ein herzlicher Mensch und meine Stimmung hellt sich kurz etwas auf. Kurz umziehen und ab ins Revier. Bei der Fahrt Richtung Hochsitz, den im Visier habe, merke ich wie ich einen Stein überfahre. Es kratzt zwar ein wenig, aber darüber mache ich mir keine weiteren Sorgen.

 

Auf dem Sitz angekommen, starre ich in den Wald und merke, dass ich das erste Mal gar keinen Spaß daran habe zu jagen…

Meine Sorgen umhüllen mich, wie die langsam einsetzende Dämmerung. Zum Ende des Büchsenlichts baume ich ab. Zurück beim Auto erkläre ich meinem Hündin, dass ich leider nichts mitgebracht habe. Wir fahren den bergigen Wald herunter zum Revierausgang und dann auf die Landstrasse Richtung Ferienwohnung. Ich bin ganz erschöpft und froh, wenn ich ins Bett fallen kann. Ich beschliesse sogar, am nächsten Morgen nicht früh aufzustehen um mich anzusetzen, sondern einfach mal auszuschlafen, auszuruhen und die dringend nötige Kraft zu tanken. Gerade mit diesen Überlegungen beschäftigt, schrecke ich auf: „Pling!!! Pling!!!“ Die Kontrollleuchte des Audi zeigt auf: „Getriebestörung, P einlegen“. Kurz glaube ich an einen Scherz. Ich halte an, lege P ein, Motor aus. Motor wieder an: „Getriebestörung, Weiterfahrt eingeschränkt möglich, kein Rückwärtsgang“. Ich fahre langsam an und höre wie das Getriebe mich anschreit als hätte ich es bei lebendigem Leibe an einen Spiess gehangen. Ich bin noch etwa 150 Meter von der Wohnung entfernt. Im ersten Gang schaffe ich es bis kurz davor. Ich mache den Motor aus und glaube es nicht. Der Wagen ist gerade mal knapp ein Jahr alt… Zur Überprüfung meiner Sinne schalte ich den Motor nochmal an und stelle fest: es ist wohl Realität.

Gerade schiessen mir Gedanken der Verzweiflung durch den Kopf, da fällt mir ein, dass ich tolle Freunde habe und dass ich sicher morgen wieder einen Weg finden werde.

Da geht es auch schon los: SMS vom Jagdherrn mit der Frage ob ich etwas erlebt hätte. Das kann ich ja leider bejahen. Da versorgt er mich sofort mit Links, Telefonnummern und Empfehlungen zum weiteren Vorgehen. Nach einem Infoanruf bei der Audi Hilfe lege ich mich ins Bett im Wissen, dass ich am nächsten Tag nicht, wie eigentlich beschlossen, werde ausspannen können… Zum Trost kuschelt sich mein Hund zu mir und scheint mir ins Ohr zu schlabbern: alles wird gut. Okay, dann höre ich jetzt auf rumzuheulen und lasse mich für ein paar Stunden in den Schlaf sinken.

Frühmorgens klingelt der Wecker. Als Erstes versorge ich meine Jagdfreunde per Whatsapp-Gruppe mit Infos über die neusten Entwicklungen im punkto Mobilität im Osten. Dann – noch vor dem ersten Kaffee – starte ich um 0700 morgens das Projekt Audirettung.

Eine Stunde später erscheint der ADAC – Trailer. Eine Dame steigt aus und fragt mich nach einem Abschleppseil. „Ähh…“ Etwas irritiert verneine ich das. Den Wagen bekommen wir dennoch auf den Trailer.

Nummernschild weg

Bereits nachts um 0100 und erneut morgens um 0700 hatte ich der Audi Hilfe am Telefon erklärt, dass ich ein Ersatzfahrzeug mit Anhängerkupplung brauche. Ich habe nämlich umfangreiches Gepäck durch die ganzen Jagdutensilien, die Hundebox, sowie den Heckträger für die Wildbergung dabei. Wie soll ich sonst alles wieder nach Hause bringen?

Mittels ADAC bei Audi eingetroffen, werde ich zunächst konsequent ignoriert. Ebenso mein Fahrzeug. Auf Nachfrage, werde ich dann nach dem Fahrzeugschein gefragt. Da ich diesen – aus Angst wichtige Dokumente im Auto zu vergessen – vorher blöderweise in die Wohnung gelegt hatte, kann ich damit leider gerade nicht dienen. Die Anweisung der Empfangsdame bei Audi: „Dann müssen Sie den holen. Ohne Fahrzeugschein können wir hier gar nichts machen!“ Auf Nachfrage wie ich denn den Schein im 25km entfernten Ort holen solle mit einem Fahrzeug mit Getriebeschaden, kann sie mir dann auch nichts sagen. Lediglich mit dem Kopf schütteln und den Schulter zucken. Auf den Hinweis, dass man doch die Daten über den Schlüssel einlesen könne, reagiert sie ebenso ratlos.

Ich telefoniere also mit der Werkstatt meines Vertrauens in meiner Heimatstadt und lasse die Daten faxen.

Nun wende ich mich erneut an die Dame mit dem Wunsch nach einem Ersatzfahrzeug mit Anhängerkupplung. Die Erfüllung dieses Anliegens deklarierte sie gerade heraus mit einem flapsigen Abwinken als völlig unrealistisch.

Nach etwa einer Dreiviertelstunde beschloss man dann jedoch immerhin, sich einmal mein Fahrzeug anzusehen.

Auf Nachfrage wie es denn generell um ein Ersatzfahrzeug stünde, wird mir erklärt, darum werde man sich erst kümmern wenn eine Diagnose hinsichtlich meines Fahrzeuges feststünde. Langsam dämmert mir, dass mein Hund, den ich in der Wohnung zurückgelassen hatte, lange würde auf mich warten müssen…

Nach etwa anderthalb Stunden erscheint nun ein zerstreut aber dennoch durchaus amüsiert wirkender Mitarbeiter der Serviceabteilung in theratralisch anmutender Gestik und Mimik mit einem Stein von etwa 10 x7 Zentimeter Durchmesser, hält ihn mir vor die Nase und erklärte mit schallenden Worten, die die ganze Empfangshalle durchdringen: „Das wird aber teuer für Sie!“. Ich denke mir: „naja, für mich ja wohl hoffentlich nicht, da ist ja noch ein Jahr Garantie auf dem Wagen… Oh Gott… war das etwa der Stein, den ich mal kurz unter meinem Unterboden gehört hatte…?! Nein, das kann ja nicht sein, das klang doch bei Weitem nicht so schlimm…“.

Nachdem er allwissend erklärt, dass nun Kosten von etwa 10800 Euro auf mich zukämen, die auch nicht durch die Garantie abgedeckt seien (ein Ersatzfahrzeug übrigens selbstredend auch nicht) steigen mir die Tränen in die Augen. Die Dame, die neben mir auf dem abgewetzten und abgefärbten, früher wohl mal beigen, Wartesofa sitzt, bietet mir – mich offensichtlich bemitleidend – an, mich zur nächsten Autovermietstation zu fahren. Ich lehne herzlich dankend ab, da ich ja noch gar nicht weiss woher ich ein Ersatzfahrzeug mit Anhängerkupplung kriegen soll…  Und ausserdem: ihr mitfühlender Blick wirkt wie Tränenlöser. Also erstmal raus hier.

Die Gedanken in meinem Kopf schiessen kreuz und quer und ich kann keinen Einzigen festhalten und auf Plausibilität überprüfen. „Stimmt das denn, dass da keine Garantie drauf ist? Wollen die mich über den Tisch ziehen hier? Soll ich den Audihändler meines Vertrauens anrufen? Soll ich meine Vollkaskoversicherung anrufen? Wie kriege ich einen Ersatzwagen, hier kümmert sich keiner… Was macht mein Hund zuhause? Wie komme ich hier überhaupt mal wieder weg…? Ist meine Auto jetzt genauso kaputt wie ich krank? Nein… das kann doch alles nicht sein…“ Ich merke, dass ich völlig überfordert bin und sende einen Hilferuf in die Whatsappgruppe.

Einer in der Truppe hat die dann folgenden Ereignisse im Laufe des Tages mal sehr treffend formuliert wie ich finde: „Wir sind eben eine extrem gut funktionierende Taskforce“. (Naja er hat auch gefragt ob wir alle zuviel Zeit hätten, aber ich tendiere zur ersten Interpretaiton). In den nächsten Stunden werden Empfehlungen ausgesprochen was zu tun sei, Telefonummern zur Informationsbeschaffung versendet, Kfz-Sachverständige zu dem Vorfall interviewt, es werden Ersatzfahrzeuge mit Anhängerkupplung in sämtlichen Vermietstationen im Umkreis bei allen gängigen Händlern gesucht… Die Liste darüber, was meine Freunde an diesem Tag überlegt und organisieren ist schier endlos… Als es so aussieht, als würde keine Versicherung eine Überführung des Wagens in meine Heimatstadt übernehmen wird im Hintergrund ein Trailer organisiert, um mich im Zweifel einfach samt meiner geschrotteten Karre abzuholen…

Ich tauche irgendwann bei der Autovermietstation Sixt auf. Dort verbringe ich dann gefühlt etwa die Hälfte des Tages. Nachdem ich in den vergangenen Stunden bereits im Büro des unglaublich netten Mitarbeiters hab telefonieren dürfen, ist unweigerlich mein Akku irgendwann leer. Meine missliche Lage erkennend fährt mich der freundliche Mann kurzerhand in das nahegelegende Technikgeschäft, wo ich mir ein Ladekabel kaufen kann. Nachdem es zwei Stunden dauert um die Deckungszusage vom ADAC zu bekommen, wird mir also tatsächlich ein ganzer (ich wieder hole: ein GANZER) Polo bezahlt. Nun reicht es auch dem Mitarbeiter. Ob nun weil er sich mein verheultes Gesicht wirklich nicht noch länger ansehen mag oder ob er sich – mit meiner Gefühlslage identifziert – über die Bürokratie und mangelnde Fairness ärgert: jedenfalls stellt er mir mit einem „So, wir machen das jetzt anders!“ schlicht einen Tourareg zum Preis eines Polos zur Verfügung. Es ist ein wunderbares Gefühl, ein Segen solche Menschen zu treffen wenn man in Not ist. Fast umarme ich ihn vor dem Einsteigen in meinen neuen fahrbaren Untersatz. Aber ich will den armen Mann ja nicht noch mehr quälen. Es sind immerhin inzwischen locker 30 Grad und zum Duschen hat es heute morgen auch nicht mehr gereicht.

Nun ja, nach 8 Stunden ist alles geklärt. Mein Fahrzeug würde vom ADAC in meine Heimatstadt überführt, den Ersatzwagen würde ich bis etwa zu diesem Zeitpunkt auch behalten dürfen. Die Versicherung schickt einen Gutachter um zu prüfen, ob der Schaden übernommen wird.

Endlich hole ich meinen Hund aus der Wohnung und schleppe mich den Hügel hier an der Wohnung hoch, um ihr Freilauf zu gewähren. Oben angekommen ein wunderbarer Blick… Endlich durchatmen.

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Ich beschließe, obwohl ich fix und fertig bin, mich heute abend wieder anzusetzen. Dabei denke ich mir, dass ich diesmal wirklich nichts erlegen will. Einfach nur in Ruhe da oben sitzen…

Der Touareg macht es auch prima durchs Revier:

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Ich schleppe mich dann also den Berg hinauf zur Kanzel, die den Blick auf einen Steilhang freigibt. Beim Angehen springt ein Bock ab, der direkt unter der Kanzel im Gebüsch geäst hat. Oben angekommen fallen mir zwei leere Patronenhülsen auf und ich denke: „Ein gutes Omen?“ Denn in diesem Revier hatte ich bisher trotz vieler Ansitzstunden und Pirsch nichts erlegen können.

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Blick von der Kanzel

Knapp zwei Stunden später vernehme ich hinter mir aus dem Dorf ein lautes Geschepper. Während ich mich frage, was das wohl gewesen sein könnte, stürmt ein weibliches Stück Rehwild hochflüchtig von von rechts aus dem Bestand raus auf die Wiese und ist – zack-  schon wieder links im Bestand verschwunden. „Was war das denn?!“ frage ich mich und lese einige Minuten später in der Whatsapp-Gruppe von einem liebem Freund, dass mein Bock um 2127 käme. Ich habe allerdings 2027 gelesen und sehe, dass es 2024 ist. Da fällt mir ein: na klaar! Da ist bestimmt der Bock hinter dem Schmalreh her gewesen. Also Achtung. Den Gedanken kaum zu Ende gedacht höre ich es knacken, rumpeln und rascheln. Durch die Wärmebildkamera erkenne ich hinter mehreren Baumstämmen ein Stück Rehwild. Ich richte mich ein und schaue erneut durch die Kamera. Das Stück macht sich an einer Plätzstelle zu schaffen. Ok, ein Bock. Der Puls schnellt in die Höhe, Adrenalin durchströmt mich von der Körpermitte bis in die Füsse und den Kopf, und ich versuche einzuschätzen auf welcher Höhe bzw. in welcher Entfernung er auf die Wiese treten wird. „Das ist ja ein ungünstiger Winkel… der kommt so nah, da muss ich fast aufstehen…“ denke ich und – zack- ist er da. Ein Jährlingsbock! Waffe spannen, dabei zieht er zügig nach links über die Wiese. Nun ist er schon im 45 Grad Winkel links. Ich denke mir: „Letzte Chance!“ und blöcke ihn an. Er bleibt stehen, ich steche ein, halte etwas hinters Blatt und der Schuß löst sich. Er bleibt auf der Stelle liegen. Das Stück verendet umgehend und dann durchströmt mich ein Gefühl reinster Dankbarkeit. Dankbarkeit für den Bock, dass er für mich sein Leben gelassen hat. Dankbarkeit dafür, dass ich mit diesem Bock meinen Freunden, die mir in den so schwierigen Stunden heute zur Seite gestanden und das Gefühl gegeben haben, dass sie mich jederzeit und überall weg holen wenn ich in Not bin, etwas zurückgeben kann.

Ich genieße dieses Gefühl noch einige Minuten bevor ich zum Bock herantrete. Angekommen tut es mir sehr leid um ihm. Ich knie nieder und erkläre ihm in Gedanken was er mir bedeutet und wie dankbar ich ihm bin. Dann ziehe ich ihn zu einer Stelle an der weiße Blümchen sind und mache ein paar Erinnerungsfotos. Wobei ich diesen Bock auch ohne Bilder nie wieder vergessen würde.

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Dann ziehe ich das Stück durch den waldigen Abhang hinunter Richtung Auto. Dort breche ich dann das erste Mal ganz alleine auf. Mir ist es sehr wichtig, das Stück sauber zu versorgen. Denn ich möchte, dass das Wildbret beste Qualität behält, der Bock soll sein Leben nicht umsonst gelassen haben. Ich finde, das ist man einer erlegten Kreatur schuldig. Etwas unsicher hinsichtlich meines „Aufbrechwerks“ versende ich ein Foto davon an einen guten Jagdfreund und hole mir sein ok ab (welches mir dann zu meiner großen Freude später auch der Metzger bestätigt).

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Zehn Tage später sitzen wir alle zusammen in meinem Garten. Es ist Pfingstsonntag und wir essen gemeinsam das Rehwild, während mein Hund einen Knochen davon kauen darf. Ein wunderbarer Tag, ein wunderbarer Abschluss.

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Nachtrag: Drei Wochen später stellte sich heraus, dass das Getriebe gar nicht defekt war, auch die Mechatronik nicht. Lediglich der Unterboden musste ersetzt werden. Da hat in Thüringen wohl jemand Geld verdienen wollen…


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