Wenn eine Tür zu fällt…

… dann öffnet sich eine andere. Ja manchmal ist das wirklich so. Ich war aus unterschiedlichen Gründen nicht glücklich in meinem Begehungsscheinrevier. Von recht langer Hand war aber schon geplant, dass ich mit einem Freund zusammen Anfang November in Brandenburg jagen würde. Er hat seit einiger Zeit die Möglichkeit dort zur Jagd zu gehen und durfte mich einladen. So machte ich mich also im Winter 2017 auf den Weg dorthin…

Ich vermute, ich werde den Moment nie mehr vergessen, an dem ich die Tür zum Aufenthaltsraum (wo wir vor und nach der Jagd zusammensitzen) von außen öffnete. Ich machte die Tür auf und mir kam die geballte Wärme entgegen. Einerseits physikalischer Art – so war es draußen inzwischen wirklich kalt geworden und drin war es muckelig warm – aber andererseits auch menschlicher Art. So erhob sich der Pächter, den ich nie zuvor in meinem Leben gesehen habe – begrüßte mich mit einer kurzen Umarmung (was mir in anderen Fällen vielleicht komisch vorgekommen oder zu viel gewesen wäre) und einer Herzlichkeit, die ich so noch nicht erlebt habe. Sein Grinsen verriet bereits den Humor, den er beherrscht, das Funkeln seiner Augen die Freude am Leben und der Jagd, sowie der Offenheit anderen Menschen gegenüber. Ich fühlte mich sofort pudelwohl und bestens aufgehoben.

Weil wir schon ziemlich spät für den Abendansitz dran waren, besprachen wir die anstehende Jagd recht kurz und knapp. Wer sich wo hinsetzen würde, wie der Wind geht, was erwartet wird und wie lange man etwa sitzen wolle. Auch die Freigabe bekam ich erklärt.

Der erste Ansitzabend verlief für zwei von uns Jägern sehr gut und war mit Waidmannsheil gekrönt, einer hatte zwar Anblick von Sauen, konnte aber mangels Kugelfang nicht schießen. Ich hatte leider Pech mit dem Wind, der drehte – auf dem Sitz angekommen – genau in den Bestand.

Am zweiten Abend wurde ich vom Pächter ans Schilf gesetzt. Er setzte mich etwa 100 Meter von der Kanzel entfernt ab und erklärte: „Wenn du auf die Kanzel kommst, öffne nur das Fenster nach rechts. Die Kirrung ist rechts vor dir, die Sauen kommen von rechts aus dem Bestand hinter dir.  Vor dir ist Schilf. Schau immer wieder raus, du wirst sie nicht kommen hören. Und da läuft ein einzelner stärkerer Keiler! Waidmannsheil!“ Ich dachte mir: „Aha, klingt als würde er sein Revier kennen“ und fragte scherzhaft: „und um wieviel Uhr kommt der Keiler denn genau?“ Wir lachten beide und ich marschierte los.

Ich gebe es nur ungern zu, aber es war so: Ich war vorher bereits fünf Tage zur Jagd gewesen und hatte wirklich wenig Schlaf bekommen. Und so kam es, dass ich tatsächlich um 19 Uhr kurz eingenickt bin. Hellwach war ich, als plötzlich einen Schuss ganz in der Nähe die winterliche Stille zerriss. Schnell schaute ich aus dem Fenster und glaste alles ab. Nichts. „Na hoffentlich habe ich nichts verpasst“, dachte ich mir, „jetzt aber wach bleiben!“

Das war auch eine gute Idee: Exakt wie vom Pächter vorher gesagt, stand kurze Zeit später, plötzlich und wie aus dem Nichts erschienen, eine einzelne stärkere Sau auf der Kirrung. Blick durchs Glas: Keiler! Ich legte an, spannte die Waffe, der Keiler stand breit auf 80 Meter und die Kugel schoss aus dem Lauf. Mündungsfeuer, kurze Blindheit. Blick durch die Wärmebildkamera während ich ein Rauschen und Rascheln vernahm. Und dann: Nichts. Und Stille.

Oh nein…. Das kann doch nicht sein?! „Jetzt bleib doch endlich mal ruhig“, sagte ich zu mir selbst. Du bist perfekt abgekommen, die Waffe schießt, da kann überhaupt rein gar nichts schief gegangen sein. Jetzt bleib doch endlich mal locker!“ Ich griff zum Handy und rief dem Pächter an. Nach meinem kurzen Bericht, verkündete er fröhlich flüsternd: Bleib einfach sitzen und bleib ganz ruhig!“ Und dann: „Da kommt noch mehr!“ Völlig perplex über die Sicherheit, die dieser Mann ausstrahlte, legte ich auf und grinste vor mich hin. „Der hat nicht mal in Betracht gezogen, dass ich Mist gebaut habe!“ Ich genoss also das gute Gefühl, dass da jemand Vertrauen in mich und meine Fertigkeiten hatte und lehnte mich zurück.

Na gut, ich gebs zu: Der Zweifel schlich sich immer wieder zurück. So schrieb ich drei guten Jagdfreunden von meinem Schuss auf den Keiler. Alle waren derselben Meinung: Das hat schon gepasst. Noch in Gedanken darüber versunken, glaste ich regelmäßig mit der Wärmebildkamera den Schilfgürtel ab. Oh, was ist denn da? Der helle kleinere Fleck zog gradlinig auf die Kirrung zu. Ein Dachs! Als ich geschossen habe, war er exakt am Anschuss des Keilers. Der Dachs lag im Knall. Da war ich dann noch sicherer, dass es mit dem Keiler auch geklappt haben musste.

Kurze Zeit später rief der Pächter an und fragte, ob wir mal nach dem Keiler sehen wollten. Total froh, jetzt für Klarheit sorgen zu können, stieg ich von der Kanzel runter und suchte am Anschuss nach Schweiß vom Keiler. Nichts. Absolut rein gar nichts. Ich hörte gerade den Wagen des Pächters näher kommen und dachte schon: „Oh Gott, das erste Mal hier im Revier und da hab ich direkt Mist gebaut? Das darf doch nicht…. Oh!“ In dem Moment fand ich ein etwa acht Millimeter langes Stück Knochen. Ich hatte nicht viel Erfahrung mit Nachsuchen auf Schwarzwild und der Interpretation von Scheiß. Aber, dass das nichts Gutes bedeutet, war mir eigentlich klar. Gerade die ersten Hitzewallungen vor Sorge hinter mich gebracht, sah ich die Taschenlampe des Pächters auf mich zukommen.

Nicht eine einzige Sekunde hat er mir ein schlechtes Gefühl vermittelt. Ich war so froh, dass er da war. In aller Seelenruhe suchte er selbst nach Schweiß. Das Knochenstückchen kommentierte er damit, dass es vielleicht sein könne, dass ich zu tief abgekommen sei. „Aber schauen wir erstmal“. Wir suchten beide weiter nach Schweiß und einige Meter weiter im Schilf fanden wir eine Schweißfährte, die wir etwa 12 Meter verfolgen konnten. Dann wieder Ende und nichts mehr zu machen. Auch die Wärmebildkamera half in dem hohen Schilf nicht weiter. So rief er seinen Kumpel an, der ein paar Minuten später mit dem Hund –  einem Teckel –  da war.

„Jagd ohne Hund Schund“, ja so ist das. Das war jedenfalls wieder ein gutes Beispiel dafür: Nach zwei Minuten hatte der Hund den Keiler gefunden. Er lag keine vier Meter von da entfernt, wo wir zuletzt waren. Insgesamt etwa 15-20 Meter vom Anschuss entfernt. Mit einem sauberen Blattschuss.

Phu, da war die Erleichterung groß und die Freude riesig.

Da in Brandenburg der Brustkorb zugelassen wird (und dafür die Blätter gelüftet werden), zeigte mir der Pächter wie er aufbricht. Wieder eine Menge gelernt. 77 Kilogramm wog der Bursche übrigens.

Außerdem erklärte er mir noch einiges zum Aufbrechen und Verwerten vom Dachs. Der Dachs, den ich erlegt hatte, wurde aufgebrochen und das Wildbret an jemanden abgegeben, der sich Dachs gewünscht hatte.

Was ein aufregender und schöner Abend. Nachdem das Wild im Kühlhaus und die Waffen im Waffenschrank waren, bekam ich vom Pächter den Erlegerbruch überreicht und der Keiler wurde tot getrunken. Hier geht es wirklich noch um das gemeinsame Jagen und das Teilen von Erfahrungen.

 


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